Streitfall zwischen Berufsgenossenschaften: Baumfällung mit SKT und Mobilkran

Bernhard Schütte, Technische Leitung der Münchner Baumkletterschule und Baumpflege Happy Tree, war Anfang des Jahres als Baumkletterer an einer Baumfällung mittels Seilklettertechnik (SKT) und Kran beteiligt. Obwohl dieses Arbeitsverfahren eigentlich seit einigen Jahren von den beteiligten Berufsgenossenschaften (BG) Gartenbau, Bau sowie Transport und Verkehrswirtschaft einheitlich geregelt sein sollte, kam es zu Schwierigkeiten. Im Folgenden findet ihr eine ausführliche Beschreibung des Vorfalls und der daraus resultierenden Folgen von Bernhard Schütte.

Im Oktober 2010 wohnten die damaligen BG's Gartenbau, Bau sowie Transport und Verkehrswirtschaft einer Vorführung bei, in deren Folge der Personentransport am Kranhaken geregelt werden sollte und wurde. Bei der BG Gartenbau (SVLFG) findet man in der aktuellen GBG 1.1 (PDF) die Beschreibung des Verfahrens in allen wichtigen Einzelheiten. Wo die anderen beiden BG's die neue Situation in ihren Informationen, Regeln oder Vorschriften untergebracht haben, weiß ich nicht.

Am 27. Februar 2015, drei Jahre nach der Einigung über die Bedingungen für den Personentransport am Kran, war ich als Subunternehmer eines Subunternehmers auf einer Kranbaustelle gebucht worden. Auftraggeber war eine größere Dresdner Baumpflegefirma, der Subunternehmer ein Kletterer aus unserer Arbeitsgemeinschaft. Der Auftraggeber hatte die Kranfirma Felbermayr gebucht, mit der er sonst auch auf Hubarbeitsbühnen-Baustellen zusammenarbeitet.

Als ich meinen Ankerpunkt an der Kranflasche installieren wollte, gab es erst Verwunderung und dann, nach einer telefonischen Rückfrage bei der für die Kräne zuständigen BG Transport und Verkehrswirtschaft ein klares „Nein!“ Ich war erst erstaunt und dann empört, weil das Verfahren mit eigenem Aufstieg und Ankerpunkten im Baum die Arbeiten wesentlich ineffektiver und langsamer gemacht hätte. Ich zeigte dem Kranfahrer und dessen Projektleiter die GBG 1.1, aber gegen ein Verbot ihrer eigenen BG kam das nicht an.

Daraufhin schaltete ich unsere BG ein. Martin Schmeiche nahm sich schnell und engagiert der Problematik an. Er überzeugte den Technischen Dienst der anderen BG davon, dass Personentransport am Kran seit Jahren genehmigt ist. Damit hatten wir schon fast gewonnen. Der Mann im Technischen Dienst wollte aber keinen Fehler machen und fragte, bevor er die Firma Felbermayr anrufen wollte, noch einmal in der nächsthöheren Ebene der eigenen BG nach. Dort gab es die klare Auskunft, ein Personentransport wäre nach vorheriger schriftlicher Anmeldung im Personen-aufnahmemittel möglich. Gemeint sind die für Baumarbeiten so ungeheuer praktischen Vogelkäfige. Alle anderen Wege seien untersagt.

Für uns hatte sich damit eine Sackgasse aufgetan. Mit zwei Stunden Verspätung stiegen wir dann doch am Aufstiegsseil in den Baum ein, konnten die Mitte nicht für freie Kranwege ausräumen, weil wir die Stämmlinge zum Ankern brauchten und rannten für das Anbinden und Abschneiden dauernd rauf und runter.

Im Nachgang hatte ich weiterhin mit Martin Schmeiche Kontakt. Die SVLFG findet den Vorgang so unerhört wie ich und wird nun auf dem Dienstweg gegen die BG Transport und Verkehrswirtschaft vorgehen. Es kann nicht Sinn der Einigung vor drei Jahren sein, dass man theoretisch auf jeder Baustelle neu um die Anerkennung dieser Wahrheit feilschen muss.

Zur Illustration der praktischen Seite habe ich der SVLFG noch folgende Erläuterungen geschickt – nur damit klar wird, dass der Schaden nicht einzig darin bestand, dass wir erst zwei Stunden später anfangen konnten. Unser geplantes, legales und ergonomisch vorteilhaftes Arbeitsverfahren wurde verboten und wir waren gezwungen, unter Zeitdruck ein höheres Risiko einzugehen und auf kräftesparende Techniken zu verzichten.


Der obere Teil (A) stellt immer das genehmigte Verfahren dar, der untere Teil (B) das Verfahren, zu dem wir durch das Verbot gezwungen waren.

Aufstieg

A: Ankern an der Kranflasche, Auffahrt in die Krone.

B: Schnur einwerfen, Seil einziehen, Aufstieg am stehenden Seil aus eigener Kraft, hier noch erschwert durch die Besonderheit, dass um den Stamm eine große Fasanenvoliere gebaut worden war. Wir hatten also bei Einbau und Aufstieg Ärger mit dem Drahtzaunkäfig.

Anzahl der Kletterer im Baum

A: Der Kletterer wird vom Kran an die entsprechenden Anschlagplätze gehoben und seilt dann zum Bereich des Trennschnitts ab. In der Regel ist deswegen nur eine Person im Baum, weil das unter Umständen lange und kraftraubende Klettern und Positionieren entfällt. Deswegen befindet sich so nur der mit den Arbeiten beschäftigte Versicherte unvermeidbar im Gefahrenbereich.

B: Wir waren wegen der Verzögerung und des untersagten Transports an der Flasche darauf angewiesen, mit zwei Kletterern im Baum zu arbeiten, um trotz der Kletterwege einen flüssigen Ablauf zu gewährleisten und die vereinbarte Arbeit im zur Verfügung stehenden Zeitrahmen zu leisten.

Reihenfolge der Entnahme

A: Die Baumteile werden systematisch von oben nach unten entnommen, um immer einen freien Hubweg für den Kran zu garantieren.

B: Da wir mit zwei Kletterern im Baum arbeiteten, mussten wir zwei Stämmlinge in der mittleren Krone für die Ankerpunkte erhalten. Bei der Entnahme bestand dadurch immer das Risiko, dass die gehobenen Baumteile mit den noch stehenden kollidieren. Einerseits sind so die Ankerpunkte gefährdeter und andererseits können Äste abbrechen, die dann wiederum auf die Kletterer oder den zu schützenden Bodenbereich fallen.

Positionieren beim Anschlagen in der äußeren Krone

A: Der Kletterer hängt im Lot der Kranflasche und schlägt die Ketten/Schlingen an.

B: Der Kletterer bewegt sich aus dem Lot seines Ankerpunkts nach außen und muss sich gegen den seitlichen Zug des Seiles sichern und dann die schweren Anschlagmittel bedienen. Das ist nicht unlösbar, aber der erste Teil ist eine vergleichsweise unnötige Arbeit.

Positionieren beim Anschlagen der Stammteile

A: Der Kletterer hängt im Lot der Kranflasche und kann sich frei um den Stamm bewegen und die Anschlagmittel auch von oben auf das Stammteil schieben.

B: Der Kletterer ist am Stamm genau dort gesichert, wo er auch die schweren Ketten anschlagen muss. Er ist in seiner Bewegung um den Stamm stark eingeschränkt und die eigenen Sicherungen werden durch die Ketten nach unten geschoben und eingeklemmt.


Die Aufzählung der Unterschiede soll nicht verdeutlichen, dass es unmöglich wäre, ohne das Ankern an der Flasche zu arbeiten, sonst hätte ich die Baustelle umgehend verlassen. Früher haben wir gezwungenermaßen so gearbeitet. Das bedeutet aber auch, dass wir die Erleichterungen des neuen Verfahrens sehr gut beurteilen können und zu schätzen wissen.

Jetzt bin ich gespannt auf Rückmeldungen der SVLFG. Die Zeit der Fällungen ist bis Oktober vorbei und vielleicht hat sich ja bis dahin schon etwas getan. Wenn nicht, empfehle ich jedem, mit den Kranfahrern zu arbeiten, die das Verfahren bisher akzeptiert haben. Gerät man aus irgendeinem Grund an eine unbekannte Kranfirma, lohnt es sich, im Vorfeld zu erfragen, ob dort der Personentransport im Baum möglich ist. Zur besseren Argumentation kann man sich zuvor die GBG 1.1 als PDF herunterladen und gegebenenfalls an die Firma weiterleiten.

Der Autor: Bernhard Schütte, Technische Leitung und Ausbilder der Münchner Baumkletterschule