Kletterblatt 2017 - page 10

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Abbildung 2:
Zeichnung zum
Pendelsturz
kletterblatt 2017
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Technik
Sturzarten
ausbilder, entwickler und nervensäge bei der mbks
49 jahre, schuhgröße 45
seepferdchen
Dirk Lingens
Im Rahmen einer Veranstaltung habe ich Werte für den Sturz ins Drahtseil
ermittelt: Bei Sturz in die zentrale Sicherung fing bei mir bei 35 cm die
Schmerzgrenze an, beim Sturz in die seitlichen Halteösen schon bei 30 cm.
Wohlgemerkt: ich war vorbereitet, aufrecht und hatte einen bequemen
Baumpflegegurt an. Die Werte für den Fangstoß konnte ich aufgrund unzu-
reichender Messtechnik nicht ermitteln.
Hinweis
Abschließende Betrachtung zur Anwendbarkeit des
Sturzfaktormodells auf unsere Arbeitssituation:
1. Wir setzen das Seil – zumindest beim umlaufenden
System– imDoppelstrang ein. Das verdoppelt unseren
Fangstoß. (Genaugenommen ist es der Faktor
2. Der
Einfachheit halber belassen wir es bei einer Über-
schlagsrechnung.) Oder anders: schon beim SF von
0,15 erreichen wir die 6 KN. Schlecht für uns.
2. Geprüft wirdmit einemneuen Seil. Schon amFreitag
dürfte das Seil steifer sein, als es noch amMontagwar,
ohne dass wir das Ausmaß der Erhöhung des Fang-
stoßes abschätzen könnten. Schlecht für uns.
3. Das 100 kg Prüfgewicht besteht ausMetall und nimmt
keineEnergiedurchVerformungauf.UmdemVerhalten
desmenschlichenKörpers gerechter zuwerden, führt
der Alpenverein seine Versuche mit mit Sandsäcken
gefüllten Reifen durch. Hier werden die realen Werte
also niedriger liegen – gut für uns. (Siehe Kasten.)
4. Im Labor muss nur der erste Sturz die 6 KN Marke
unterbieten. Danach ist der Wert egal, das Seil muss
nur halten. Schlecht für uns.
5. Wie bereits erwähnt, gilt das Modell nur für Seile, die
Energie aufnehmen können. Drahtseile fallen nicht
darunter. Schlecht für uns. BeimDrahtseil spielen nur
die absoluten Sturzhöhen eine Rolle. (Siehe Kasten.)
6. Wenn ichanfange zu rechnen, obmeinSeilsystemmei-
nenFangstoß unter 6KNhalten kann, setze ich immer
einen freien Sturzraumvoraus. Daswird außer in kon-
trollierten Situationen im Baum kaum zu gewährlei-
sten sein. Auch schlecht für uns.
Fazit:
Zum Thema „Absturz“ muss nicht viel gesagt werden,
immer vermeiden!
n
Der „Pendelsturz“ ist unser größter Feind. Trotz straf-
fer Seilführung kommt ein Pendelsturz oft einem Ab-
sturz gleich – mit entsprechenden Folgen.
n
Der Sturz ins Seil wird zwar durch die Dehnung des
Seiles gemildert, aber erstens viel weniger, als dieNorm
uns das hoffen lässt und zweitens können wir uns nie
darauf verlassen, dass das Seil zumTragen kommt, da
uns der freie Sturzraum fehlt.
Am besten klettern wir so, als hätten wir ein Drahtseil.
Und ichwünsche euch immer genug Luft unter demHin-
tern.
Für die kritische Durchsicht bedanke ich mich bei Jan
Brinkmann, Kiel.
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