Kletterblatt 2006 - page 70

Thema
Der Autor
Klaus Schöpe
sitzer einen solchen Ast als
gefährlich zu interpretieren
statt beruhigend, weil fach-
lich begründbar, dagegen
zu wirken (Abb. 2, S. 69).
Hier sind kurzfristige Inter-
essen wohl der Hauptgrund (Auftrag!), sowie
die Aussicht auf Folgeauftrag in Folge der Be-
handlung. Dieser Ast blieb dran, der Kunde
sparte, der Ast ist auch vier Jahre später noch
immer nicht abgefallen.
Die Ängste vor der Bewegung der Bäume im
Wind, selbst wenn sie „dabei fast auf dem
Dach des Hauses liegen“ (Kundenzitat), könn-
ten oft entschärft werden, wenn auf die be-
kannte baumstatische Erkenntnis zurückgegrif-
fen würde, dass ein Baum sich bewegen muss,
um nicht zu brechen. Aber auch hier wird oft
genug die Angst fürs Geschäft genutzt. Die
Konkurrenz könnte ja ansonsten den Auftrag
bekommen.
Bedrohlich wird es ebenfalls, wenn in der
Nachbarschaft oder im Ort ein Baum umge-
kippt ist, was dann die eigenen Bäume plötz-
lich beängstigend nahe bringt. Völlig losgelöst
von unterschiedlichen Gegebenheiten werden
dann Indizien an den Bäumen, die einen
handfesten Grund für die Angst verursachen-
den Sorgen geben sollen, gesucht und gefun-
den: hier ein Loch, dort ein Pilz. Wenn sich
dann noch ein Baumsachverständiger findet,
der diese Ängste nicht versucht abzubauen,
sondern in sein „Schlechtachten“ einfließen
lässt – ist das schade um die Bäume, aber gut
fürs Geschäft.
Auch den erstmalig auftretenden „Ausfluss
von Ligninsäure“ aus einem Birkenstamm als
Zeichen höchster Bruchgefahr zu interpretie-
ren, ist alles andere als geeignet, sachlich der
vorhandenen Unsicherheit der Eigentümerin
dieses Baumes entgegenzuwirken (Abb. 3).
Hier scheint auch neben einer Angst des Kun-
den eine Angst des Baumfachmannes zu exis-
tieren, etwas nicht zu wissen und dies auch
noch offenbaren zu müssen. Dann doch lieber
„im Zweifel gegen den Angeklagten“. Diesen
Beispielen begegnet man bedauerlicherweise
immer wieder im baumpflegerischen Alltag, es
sind keine Erfindungen.
Gekrönt werden solche Formen der Angstaus-
nutzung durch das Thema Hohlheit – nicht
der Argumente, sondern der Bäume. Es dürfte
vielen Baumpflegern bekannt sein, wie sehr der
hohle Stamm eines Baumes dafür herhalten
muss, wenn ein Baum entfernt oder stark be-
handelt werden soll. Hier ist auch die Angst
der treibende Faktor, der indessen oft entge-
gengewirkt werden könnte. Aber nicht nur
wenn der eigene Kontostand näher ist als eine
fachlich qualifizierte Einschätzung, sondern
auch aufgrund vorsätzlicher fachlicher Blind-
heit wird gerne das vorgebrachte Argument
der Hohlheit für einen Auftrag ausgenutzt. Es
ist bekannt, dass eine Röhre stabiler ist als eine
Stange; alle menschlichen Bauwerke, die in
die Höhe ragen, sind innen hohl. Wieso aber
muss ein Baum immer komplett gefüllt sein,
um als stabil und ungefährlich zu gelten? Si-
cherlich, ein hohler Stamm kann gefährlich sein.
Ab wann eine Hohlheit gefährlich wird, lässt
sich ermitteln, es ist aber mit Sicherheit keine
„Gefahr an sich“. Es gibt, wie aufgeführt, meh-
rere Aspekte der Angst, die mit dem Baumge-
schäft zu tun haben. In allen Fällen, die mit
Angst verbunden sind, sollte besonnen darauf
eingegangen werden, sowohl im Vorfeld bei
der Beurteilung von vorgebrachten, angstge-
steuerten Bedenken, als auch bei der Ausfüh-
rung von Baumarbeiten. Angst ist ein guter in-
stinkthafter Ratgeber. Sie muss aber bewusst
und rational überprüft werden. Im Interesse
von Baum und Mensch.
D
(Dipl.-Ing.), Jahrgang 1956, 1998 Gründung von
Baumbüro, Baumpflege seit 1986, seit 1999 öffent-
lich bestellter und vereidigter Sachverständiger
für Baumpflege, Baumstatik, Wertermittlung
?
Abb. 3
kletterblatt
06
70
1...,60,61,62,63,64,65,66,67,68,69 71,72,73,74,75,76,77,78,79,80,...104
Powered by FlippingBook